Eine Filmfigur macht Karriere

Als das DDR-Fernsehen zum Internationalen Frauentag 1975 den DEFA-Film „Schwester Agnes“ ausstrahlte, ahnte sicher niemand, welche Popularität und Symbolkraft dieser entfalten sollte. Die resolute Gemeindeschwester mit echt Berliner Schnauze war auf Hausbesuch unterwegs und ersetzte vielfach den Arzt. Wie ihre realen Vorbilder fuhr sie über die Dörfer und versorgte Kranke und Alte in allen Lebenslagen. Die Agnes-Schwalbe ist seitdem berühmt. In dem Unterhaltungsfilm wurde mit Sozialkritik an der DDR-Realität nicht gespart. Zivilcourage und persönliches Engagement rieb sich an Linientreue und weltfremden Entscheidungen der Funktionäre.

Tatsächlich bildeten seit den 1950er Jahren solche Gemeindeschwestern das Rückgrat der DDR-Gesundheitsversorgung auf dem Land. Die Probleme klingen ganz aktuell: Ärztemangel, unter anderem durch Flucht vieler Mediziner in den Westen, und unzureichende medizinische Versorgung. So wurde das Modell der mobilen Gemeindeschwester als Bindeglied zwischen Patient und Arzt ins Leben gerufen. Gleichzeitig waren sie für die Prävention von Krankheiten verantwortlich. Sie ersparten den Landärzten aufwändige Hausbesuche, den Patienten Wege sowie Wartezeiten im Ambulatorium.

Die Gemeindeschwester im Film wurde von Agnes Kraus, einer sehr populären DDR-Schauspielerin, verkörpert. Mit ihrer ‘Berliner Schnauze’ hat sie sich in die Herzen der Zuschauer gespielt. Sie glänzte vor allem mit komischen Rollen und wurde mehrfach zum Fernsehliebling der DDR gewählt. Ihre schauspielerische Karriere begann allerdings in den 1950er Jahre unter Bertolt Brecht am Berliner Ensemble.

Frau Herz arbeitet als nichtärztliche Praxisassistentin (NäPa) für Ärzte des Gesundheitszentrums Brandenburg und macht Hausbesuche bei den Patienten

AGnES und ihre Schwestern

Landflucht der Bevölkerung, Rückbau der Infrastruktur, Hausärztemangel und die demographische Entwicklung ließen den Gemeindeschwestergedanken im neuen Jahrtausend wiederaufleben. Das Konzept AGnES – was für Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte, Systemische Intervention steht – wurde 2004 an der Universität Greifwald entwickelt und seit 2006 in Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern in verschiedenen Arztpraxen erprobt.

Speziell ausgebildete Pflegekräfte unterstützten Ärzte  in unterversorgten Regionen, indem sie selbständig Hausbesuche bei chronisch Kranken und alten Patienten durchführten.  Anders als ihr historisches Vorbild war die neue Agnes von Beginn an mit einem komfortablen Kleinwagen und viel Technik, die jederzeit den Kontakt zum Arzt garantierte, unterwegs und arbeitete nur im Auftrag eines Arztes.

In Konsequenz des erfolgreichen Modellversuches ist seit 2009 das Erbringen und Abrechnen von Hilfeleistungen durch sogenannte nichtärztliche Praxisassistent*innen – kurz NäPa – bundesweit regelhaft möglich. Zunächst nur in Hausarztpraxen, seit 2016 auch in Facharztpraxen. Entsprechend hat das Projekt inzwischen viele Schwestern und AGnES wurde zu agneszwei weiterentwickelt.

1988 übten DDR-weit 5.513 Frauen diese anspruchsvolle Tätigkeit in einer Mischung aus Krankenschwester und Sozialarbeiterin aus. Im Zuge der deutschen Vereinigung wurde der Beruf der Gemeindeschwester abgeschafft, weil nach bundesdeutschem Recht ärztliche Verrichtungen allein ausgebildete Mediziner vornehmen durften.

Am bekanntesten sind neben dem Brandenburger Projekt heute MoNi (Niedersachsen), VERAH (bundesweit, nur hausärztlich) und EVA (NRW). Bundesweit ist in Fach- und Hausarztpraxen auch die NäPa anzutreffen. Für die Fortbildung zu solchen Nichtärztlichen Praxisassistenten hat die Bundes­ärzte­kammer mehrere Musterfortbildungscurricula für die Arzthelferinnen (MFA) erarbeitet, die regional durch die Ärztekammern umgesetzt werden. Solche Zusatzqualifikationen für Medizinische Fachangestellte und Pflegekräfte sind Voraus­setzung, damit sie in unterversorgten Gebieten nach Delegation durch den Arzt abrechnungsfähige Hausbesuche machen können.

Entsprechend sind all diese Fachkräfte speziell ausgebildet und medizinisch qualifiziert, damit die Ärzte bei der Patientenbetreuung spürbar entlastet werden. Sie übernehmen Versorgungsaufgaben, die von den Ärzten delegiert werden. Für die Patienten können sich die modernen ‚Gemeindeschwestern‘ mehr Zeit als die Ärzte nehmen, was die wohnortnahe Gesundheitsvorsorge und -versorgung erheblich verbessert.