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C’est à
quel propos?

Der Weg von der Poliklinik zum MVZ ist eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte mit Brandenburger Ursprung. Nur hier hatten trotz Schließungsvorschrift im Einigungsvertrag zwei Handvoll dieser besonderen Ärztehäuser den Sprung in die bundesdeutsche Wirklichkeit geschafft. Diese erfolgreiche Alternative der Brandenburger Gesundheitszentren wurde zum Vorbild der MVZ, die seit 2004 die gesamtdeutsche Versorgungsrealität prägen. Heute gibt es bundesweit über 3.500 solcher Zentren.

The transition from polyclinic to medical aid center (MVZ) is an East German success story that has its origin in the federal state of Brandenburg. Only here, it was possible for about ten of these very special medical institutions to assimilate to the new reality they were facing in the Federal Republic of Germany. The medical centers of Brandenburg provided a successful alternative that inspired today’s MVZ’s and thereby re-shaped the German medical supply system since 2004. Today, there are more than 3.500 such medical aid centers in Germany. 

Le passage de la polyclinique au centre de soins médicaux est une réussite est-allemande d’origine brandebourgeoise. Malgré la clause de fermeture établie dans le traité d’unification, une dizaine de ces centres médicaux furent intégrés à la réalité de la République fédérale d’Allemagne. Cette alternative fructueuse des centres de santé du Brandebourg est devenue depuis 2004 le modèle en matière de centre médicaux à l’échelle de toute l’Allemagne. Il existe aujourd’hui plus de 3.500 centres de ce type dans tout le pays.
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Schon gewusst …?

… dass zwischen 2004 bis 2006 bereits so viele MVZ gegründet wurden, dass der ursprüngliche Förderanreiz ersatzlos gestrichen wurde?

Damit ein Anreiz besteht, MVZ zu gründen, wurde 2004 geregelt, dass jeder Arzt, der mindestens fünf Jahre im MVZ angestellt tätig ist, sich danach trotz bestehender Zulassungssperren frei niederlassen kann. Aufgrund der bereits in 2006 unerwartet hohen Zahl von MVZ-Gründungen wird diese Fördermaßnahme ab 1.1.2007 zurückgenommen und gilt nur noch als Bestandsschutzregel für vor 2007 aufgenommene Arbeitsverhältnisse.

… dass seit 2015 auch Gemeinden und Städte direkt MVZ gründen und betreiben dürfen?

Obwohl sich der Gesetzgeber 2004 eindeutig dafür ausgesprochen hatte, MVZ „nicht als Spielwiese für gescheiterte Sozialingenieure, nicht für die Sozialversicherungen und nicht für die öffentliche Hand“ zuzulassen (Horst Seehofer bei der Bundestagsdebatte 2003), wurden Kommunen ab 2015 explizit in den Kreis der zulässigen Träger aufgenommen. Man wollte es so den Gemeinden gerade in ländlichen Regionen ermöglichen, direkt gegen den Ärztemangel aktiv zu werden. Die Zahl kommunaler MVZ ist dennoch auch 2020 noch ausgesprochen gering.

… dass es in Westberlin noch bis 1958 eine einheitliche Krankenversicherung für alle Bürger gegeben hat?

Die Nachkriegsgeschichte Westberlins als Drei-Mächtestadt unerschied sich in vielen Punkten von der Entwicklung der Trizone (seit 1949: BRD). So wurde 1945 mit der Versicherungsanstalt Berlin (VAB) für die Krankenversicherung eine Einheitsversicherung eingerichtet, die tatsächlich bis 1958 tätig war. Erst dann wurde das Krankenversicherungsrecht der BRD auf Westberlin übertragen und das gegliederte System eingeführt. Aus der VAB ging die AOK Berlin hervor.

… dass 85% aller deutschen Corona-Patienten von ambulanten Ärzten in Praxen und MVZ versorgt werden?

Dank des flächenddeckenden Zugangs zu Haus- und Fachärzten für alle Patienten werden in Deutschland acht bis neun von zehn an Covid-19 erkrankten Patienten ausschließlich ambulant betreut. Durch den hohen medizinischen Standard der Arztpraxen und MVZ bleiben so die Krankenhäuser für die wirklich schweren Fälle frei, und vielen Patienten der stationäre Aufenthalt erspart.

… dass viele MVZ über Zweigstellen auch in der Fläche Versorgung anbieten?

MVZ gelten als 'Einrichtung' und bieten damit per Definition eine räumlich konzentrierte Versorgung an. Viele MVZ betreiben jedoch neben dem Hauptstandort auch sogenannten Zweigstellen oder Filialen, in denen an weiteren Orten, z.B. in den umliegenden Dörfern reguläre Sprechstunden angeboten werden. Organisatorisch zählt der Hauptort zusammen mit all seinen Filialen als e-i-n MVZ.

… dass in vielen unserer Nachbarländer die fachärztliche Versorgung fast nur im Krankenhaus stattfindet?

Länder wie Frankreich, Dänemark oder die Niederlande haben ein ausgeprägtes Primärarztsystem. Das heißt, jeder Patient wendet sich immer zuerst an seinen Haus- oder Allgemeinarzt, an den er sich zuvor vertraglich gebunden hat. Fachärzte finden sich vor allem in den Krankenhäusern und können nur mit Überweisung in Anspruch genommen werden.

… dass die Uniklinik in Hamburg eines der größten MVZ Deutschlands unterhält?

Es gibt einige sehr große MVZ, in denen beinah alle Fachrichtungen vertreten sind und bis zu 20 oder 30 Ärzte zusammenarbeiten. Das Ambulanzzentrum des UKE Hamburg ist jedoch eines der größten mit mehr als 30 Fachrichtungen, bzw. Fachbereichen und über 60 angestellten Ärzten.

… dass Agnes Kraus im Film ‘Schwester Agnes’ nie wirklich die berühmte ‘Schwalbe’ gefahren ist?

Trotz Übungsstunden gelang es nicht, der Schauspielerin das später die Erinnerung an den Film so prägende Gefährt - eine tundragraue Schwalbe - nahe zu bringen. Nach Aussagen damaliger Drehkollegen gelang es ihr nicht einmal, ein paar Meter auf dem Gefährt geradeaus zu rollen. In allen Fahr-Szenen wurde sie daher gedoubelt.

… dass Bürger und Patienten während des Reformprozesses 2003 von der Einführung der MVZ kaum was mitbekommen haben?

Das GKV-Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) vom 14.11.2003 war ein ebenso umfangreiches wie stark diskutiertes Projekt. Aus Patientensicht war größter Aufreger die Einführung der Praxisgebühr in Höhe von 10 € zum 01.01.2004. Das ‚Ticket zum Doktor‘, das 2011 wieder abgeschafft wurde, war in der öffentlichen Debatte so vorherrschend, dass alle weiteren Reformelemente - wie z.B. die Diskussion um die Zulassung von MVZ - wenig Beachtung erhielten.

… dass im Berlin der 1920er Jahre mehr als 40 Polikliniken vom Krankenkassenverband betrieben wurden?

Damals stritten Krankenkassen und Ärzte über die Höhe des ärztlichen Honorars; die Ärzte traten unter dem Motto ‘Nie wieder Friede mit den Kassen’ in eine Art Streik. Die Krankenkassen reagierten mit der Errichtung von eigenenen Behandlungsstätten, in denen bei den Kassen angestellte Ärzte tätig waren. Von der Bevölkerung wurden diese sehr rege genutzt.

… dass Regine Hildebrandt bereits zu DDR-Zeiten Erfahrungen mit der Versorgung von chronisch Kranken gesammelt hatte?

Regine Hildebrandt hatte Biologie studiert und als Biochemikerin promoviert. Nach mehreren Jahren in der Arzneimittelforschung, arbeitete sie ab 1978 als Bereichsleiterin in der Zentralstelle für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten. Die Sorge, insbesondere für chronisch Kranke eine adäquate medizinische Versorgung zu organisieren, hat sie sich über die Wendezeit erhalten.

… dass der Begriff Ambulatorium in Österreich eine gängige Bezeichnung ist?

Österreichische Ambulatorien sind eine Kombination aus Arztpraxis und Krankenhaus. Aktuell gibt es 900 selbständige Ambulatorien, von denen 90 % fachärztlich ausgerichtet sind. Manche bieten das gesamte Spektrum der ärztlichen Versorgung an, andere sind auf bestimmte Themen spezialisiert (bspw.  Röntgeninstitute, Zahnambulatorien).

… dass der aktuelle Bundesinnenminister sowohl 1992/93 als auch 2003/4 beim Poliklinik- / MVZ-Thema eine tragende Rolle spielte?

Im Mai 1992 hatte Horst Seehofer (CSU), zuvor als Staatssekretär im Arbeitsministerium tätig, das Amt des Bundesgesundheitsministers übernommen und bis Oktober 1998 ausgeübt. Infolge des rot-grünen Wahlsiegs wechselte er auf die Oppositionsbank und war 2003, als das MVZ-Thema von der SPD-Ministerin vorangetrieben wurde, nicht nur stellvertretender Fraktionsvorsitzender sondern auch Verhandlungsführer der CDU/CSU.

… dass sich die Bezeichnung Poliklinik nicht vom griechischen *poly* ableitet?

Vielmehr geht die Wortbildung auf die griechischen Begriffe *kline* und *polis* zurück, und steht damit von der sprachlichen Bedeutungsgeschichte her für städtische Betten oder auch kommunales Krankenhaus. Davon unabhängig findet man heute dennoch häufiger auch die Schreibweise Polyklinik, die darauf anspielt, dass hier mehrere Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen gleichzeitig behandeln.

… dass diese Rubrik Ihnen in den nächsten 30 Tagen jeden Tag was Neues bietet?

"30 Jahre - 30 Tage" - das Motto der EinheitsEXPO bedeutet für uns: Jeden Tag ein neues Türchen. Dahinter finden Sie über die nächsten Wochen auf insgesamt 30 Kalenderblättern spannende Informationshappen rund um die ambulante Versorgung, die MVZ oder ihre Geschichte. Bleiben Sie neugierig!